Mic Drop – das Abschlusskonzert der 6. Klassen

Die sechsten Klassen schlossen ihre musikalische Karriere mit einem Paukenschlag ab – im 4/4-Takt und Swing, versteht sich natürlich.

Verschwitzte Hände + Klaviertasten = keine gute Kombination
Auf diese Erkenntnis kam ich, als ich letzte Woche im Licht der Scheinwerfer am Flügel sass. Wie sich herausstellt, ist ein Konzert keine gute Zeit, um auf dubiose Mathematikformeln zu schliessen. Ich hatte schon mit meinem mangelnden Taktgefühl (wortwörtlich) alle Hände voll zu tun, für Addition blieb nicht viel übrig. Denn zwischen verzweifeltem eins und, zwei und ist schnell vergessen, was man seit Monaten geübt hat.

Die Aussicht, vor einem Publikum vorzuspielen, hatte uns zuvor fleissig gestimmt. Uns – das sind die Schülerinnen und Schüler der sechsten Klassen, die an der Schule Instrumentalunterricht nehmen. Zwischen Schulstunden, am Mittag, während Pausen: Wann immer Zeit war, versuchten wir, eine Übungseinheit einzuschieben. Dann hiess es ab in den Bandraum zur Probe. Dort dauerte es erst einmal eine halbe Ewigkeit, bis alle Gitarren gestimmt, E-Pianos verbunden und Schlagzeuge richtig eingestellt waren. Der Anfang war auch auf musikalischer Ebene zunächst holprig. Doch wie so oft brauchen gute Dinge ihre Zeit. Mit jeder Probe ging es ein bisschen besser und das Stück reifte zu unserem persönlichen Chef d’Œuvre heran…

Verschwitzte Hände + Klaviertasten = Abschlusskonzert der 6. Klassen
Der Moment, auf den wir so lange hingearbeitet hatten, war gekommen. Wir waren nicht wie gewohnt im Keller, ohne Stress und ohne Zuschauer, sondern in der abgedunkelten Aula vor einem Publikum.

Unsere Verwandten und Bekannten waren gekommen, um zu hören, was wir gelernt hatten. Denn zwei Jahre lang besuchten wir wöchentlich eine halbe Lektion Instrumentalunterricht, zusätzlich zum Musikunterricht. Es ist eine ganz andere Art des Lernens: praxisorientiert und persönlich. Dass die Wahl des Instruments dabei frei ist, zeigte sich auch am breiten Spektrum der Darbietungen. Vom Akkordeon über die Trompete hin zur Violine: Die verschiedensten Instrumente waren am Abschlusskonzert vertreten. Mit stolzen 33 Darbietungen fand das Konzert über zwei Abende verteilt statt. Was für begeisterte Konzertgänger ein Genuss war, gestaltete sich für mich jedoch eher als Lektion in Demut. Wie soll man auftreten, wenn zuvor schon 28 Personen brilliert haben? Normalerweise wäre mein Rat «Augen zu und durch», aber bei einem musikalischen Auftritt könnte sich das als eher ungünstig erweisen.

Zum Glück hatte ich nicht ewig Zeit, über meine Situation nachzudenken. Am Schlagzeug wurde schon eingezählt und ich hatte keine andere Wahl, als mit dem Klavier einzusetzen. Was monatelang geübt wurde, zog in wenigen Minuten an mir vorbei. Was ich als nächstes schreibe, bleibt vertraulich: Zweimal habe ich die falsche Note gespielt und beim Refrain setzte ich zu früh ein. Aber spielt das wirklich eine Rolle? Ich erlaube es mir, zu behaupten, dass nur wenige diese Fehler bemerkt haben. Am Ende spielt das auch keine Rolle, schliesslich zählt nur das Ergebnis meiner abschliessenden Gleichung:

Verschwitzte Hände + Klaviertasten = eine Meisterleistung
Denn ist es nicht das Mutigste, trotz Nervosität vorzuspielen? Ein Stück mit all seinen Fehlern und seiner Unvollkommenheit vorzuführen, erfordert Courage und ist eine der schönsten Arten, sich auszudrücken. Es sind gerade die Eigenheiten, welche ein Stück so einzigartig machen. Man kann es den Musikerinnen und Musikern ansehen: diese Freude, wenn sie mit jeder Note an Selbstvertrauen gewinnen, wenn sie ihr Können unter Beweis stellen und ein gesamter Saal ihnen seine Aufmerksamkeit schenkt.

Warum also die Nervosität? Das Publikum lässt sich schon vom ersten Ton in den Bann ziehen. Es ist begeistert – und zeigt das mit kräftigem Applaus.

Das Abendkonzert ist viel mehr als eine Mutprobe: Es ist eine Art der Verbindung, ein Beisammensein, ein Abend unter Freunden. Das macht das Konzert bittersüss. Während ich froh bin, mein (nichtexistentes) Taktgefühl nie wieder demonstrieren zu müssen, werde ich dieses Zusammenkommen vermissen: Die Proben im Keller, mitsamt den elend langen Soundchecks.

Text: eine rhythmisch-ignorante Pianistin
Bild: Simon Dähler